Amarylliszwiebel

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Jamima wollte ihrer Tante eine Freude machen. Sie schlenderte im Kaufhaus umher und überlegte sich, was sie Schönes kaufen könnte. Ihr Blick viel auf einen kleinen Blumenladen, der zwischen den Läden der grossen Labels kaum auffiel oder eben gerade, weil er so klein war. Sie betrat den Blumenladen ging aber gleich wieder raus. Sie hatten vor dem Laden einige schöne Blumen aufgestellt, welche sich Jamima zuerst ansehen wollte. Draussen ist es unter null und dort im Kaufhaus drin herrscht wohlige Wärme, welche die Blumen farbenprächtig gedeihen lässt. Sie nimmt ein Töpfchen in die Hand – grüne, zackige Blätter, fleischig und dick, kaum Blüten. Sie stellt das Töpfchen wieder hin und sieht sich weiter um. Der Rest ist zu teuer oder unpassend, findet sie. Also betritt sie den Laden erneut, in der Hoffnung im Innern ein geeignetes Pflänzchen kaufen zu können.

Natürlich könnte sie auch selber etwas basteln, denkt sie. Oder malen, wie sie es oft tut, doch Jamima ist bei ihrer Tante nur zu besuch und hat nicht das geeignete Werkzeug dabei.

Im Blumenladen riecht es angenehm nach Erde und Pflanzendünger. In einem gläsernen Kühlschrank stehen einige Blumen. Daneben befindet sich die Kasse. Dort entdeckt Jamima in rosa Geschenkpapier eingepackte Amarylliszwiebeln. Fein säuberlich ist das Papier um den Hals der Zwiebel geschnürt und mit unechtem Schnee besprüht. Sie hat die gleichen Pflanzen eben noch im Kühlregal gesehen, unverpackt. Jamima entschliesst sich eine Amarylliszwiebel, die rosarot eingepackt ist, zu kaufen.

Sie macht gerne Geschenke, achtet aber immer auf den Preis. Er liegt im Rahmen bei diesem Amaryllispflänzchen und sie ist sehr zufrieden mit ihrem Einkauf. Um die Zwiebel vor der Kälte zu schützen, packt sie es in ihren Rucksack. Wie ein fragiles Ei trägt sie es auf ihrem Rücken nach Hause zu ihrer Tante. Gleich angekommen, überreicht Jamima ihrer Tante das Geschenk. „Oh du gutes Kind“, sagt ihre Tante und packt die Amarylliszwiebel umgehend aus. Jamima schaut zu. Die Tante meint, dass sie wohl die rosa Verpackung wegmachen müsse. Jamima versteht nicht sofort doch erkennt, dass die Blume sonst nur schwer wachsen kann. Ihre Tante holt die grosse Schere aus der Küchenschublade und schneidet das silbern glänzende Bändchen, das um den Hals der Zwiebel gebunden ist und das Papier daran befestigt, ab. Jamima äussert, dass sie den Kunstschnee sowieso nicht schön fände und ihre Tante meint daraufhin „Gut, ich dachte du hättest es deswegen gekauft.“ Die rosarote Geschenkverpackung landet im Mülleimer. Auf dem Esstisch im grossen und hellen Wohnzimmer findet das nun nackte Töpfchen seinen Platz.

Jamima verzieht sich in ihr Zimmer, das Gästezimmer und Büro ihrer Tante. Jamima überlegt und erkennt, dass die rosarote, mit Kunstschnee besprühte Verpackung der Amarylliszwiebel 1.80 zusätzlich gekostet haben muss. Sie erinnert sich, dass im Kühlschrank im Blumenladen die ein und dieseleben Töpfchen mit den Amarylliszwiebeln standen, nur ohne Verpackung. Sie waren 1.80 günstiger angeschrieben als die verpackten Pflanzen auf dem Kassentisch. Wieder einmal hat Jamima versagt.