Tobi 34 (2013)

Text

Angefangen hat alles ziemlich früh, denn ich bin das ganze Leben in Heimen aufgewachsen. Kinderheim Schoren, da war ich. Zuerst Pflegefamilie. Solothurn. In der ersteb Klasse irgendwo im Aargau in einem Heim. Dann eben Schoren. Und dann bin ich rausgeflogen. Bin x Heime ansehen gegangen. Dann bin ich ins Jugendheim Sternen gekommen. Jugendheim Sternen ist ein Heim, welches voll auf Sportpädagogik legt. Wir hatten alles: Gleitschirmfliegen, Surfen, Raften, Cannyoning, Snowboarden. Weisst du, solche Dinge. 20 Jahre bin ich wirklich im Heim aufgewachsen und dann mit 20 rausgekommen. Dann bin ich so in die Partyszene gekommen.

Angefangen Extasy zu nehmen und LSD und so. Eigentlich wirklich Partydrogen. Für Leute die Drogen nehmen, bin ich eigentlich ein Spätzünder. Viele haben schon mit 13 angefangen. Ich bin erst so mit 20 in das Zeug reingekommen. Mit 26 zog ich von Rohrbach nach Glarus. Hatte alles satt. Habe halt wirklich gross gedealt. Im Monat etwa 100’000 Franken umgesetzt. Dann bin ich weg. Alles abgeklemmt. Untersuchungshaft.

Es war mir danach so langweilig. Dann bin zum Kollegen, um Heroin zu kaufen. Der dachte ich wäre schon drauf, der meinte das einfach und hat es mir gegeben. Ja, so hat das eigentlich angefangen. Hab dann angefangen zu rauchen, dann merkst du so nach zwei bis drei Wochen, wenn du nichts mehr hast, dass es dir schlecht geht. Du denkst zuerst du wärst krank. Dabei ist es der Entzug. Der Körper sagt „Nei“. Weil der Körper stellt ja eigentlich jede Droge selber her, oder Adrenalin und Opium. Und wenn du eben Heroin nimmst, gibst du dem Körper mehr als der selber produziert und deshalb kommst du dann auf den Entzug. Das ist ja der Grund. Wenn das nicht so wäre, wenn der Körper das dann ausgleichen könnte, dann, dann hättest du kein Problem. Der Körper kann das aber nicht selber produzieren und braucht es jetzt. Dir geht es dann wirklich schlecht. Du beginnst zu erbrechen – das hat dir bestimmt schon jemand erzählt?

Das ist wirklich… brutal gesagt: du sitzt auf dem WC. Du hockst oder kniest, musst abwechseln. Durchfall, Erbrechen zur selben Zeit. Du hast Krämpfe in den Beinen. Du könntest wirklich alles kaputt machen mit den Beinen. Weisst du, wie ein Tatendrang. So ein Ziehen in den Beinen.

Dann bin ich zum Kollegen: „he mir geits mega schlächt. Jo du bisch ufm Aff. Was Aff? Du kennsch doch das. Bisch doch Druf gsih. Jo nei, vore Wuche woni bi zu dir cho, das isch s’erschd mouh gsih.“

Der hat mich dann vom übelsten in die Mangel genommen. Item. So ist es dann weiter gegangen. Und ich habe ja eine Tochter. Eine achtjährige Tochter mit der Exfreundin.

Wir waren schon zusammen als wir mit den Partys anfingen. Sie nahm nie Drogen. Also ja sicher, Partydrogen. Heroin hat sie nie genommen. Sie nahm die Pille, hat sie aber ab und zu vergessen, also sagten wir, weisst du, lass es sein. Wenn du schwanger bist und es gesund ist, nehmen wirs, behalten wirs. Und dann kam es auch. Nicht wirklich ein Wunschkind, aber auf dem anderen Weg schon. Wir freuten uns wenn es dann passiert, aber es ging so schnell. „Aso jo.“.

Ein halbes Jahr, dann war sie schon schwanger. Die Kleine weiss, dass Papi Medis hat.

Also ich bin im Methadonprogramm, im ZAS: Zentraleabgabestelle. Einfach für Leute die Drogenprobleme haben. Die können Methadon, Valium, Psychopharmaka dort hohlen gehen. „U so.“

Meine Tochter mit so fünf, sechs merkte dann, dass es Papi nicht gut geht. „Lug Noemi Papi: brucht Medikamänt, dassmer guet geit. Wenni die nid ha, de bini fasch so wie chrank eso.“

Aber ihr wirklich zu sagen, um was es geht, dass kann man noch nicht. Da braucht es Zeit. Sie weiss dass Papi Medis braucht. Dann kann ich mit ihr Spass haben. Rumblödeln. Kann so den Tag prästieren, das geht so mit dem Methadon.

Mich haben schon viele gefragt, ob ich mal aufhören will. Ich sage mir, gut ich bin erst 34, aber das Methadon haben sie für Leute erfunden – es gibt Leute auf der Welt die einfach nicht ohne Flash sein können, die das einfach brauchen, nicht ohne sein können. Es gibt ja verschiedene Personen, Menschen. Es gibt halt solche, die das brauchen. Drogen gibt es ja schon seit die Menschheit existiert. „jo so oder. Vo däm här.“

Ja, ich habe viel Kontakt zu meiner Tochter. Manchmal mehr manchmal weniger. Das weiss die Exfreundin auch, also wir haben ein tiptopes Verhältnis. Ich habe eine Zeit lang auf der Gasse gelebt. Sie wusste aber, wenn sie mich anruft, ob ich auf die Kleine aufpassen könnte, damit sie arbeiten kann, tu ich das auch. Ich bin hin und habe keine Drogen genommen. Natürlich habe ich am Morgen meinen Knall gemacht. War den ganzen Tag nicht drauf in dem Sinne, aber kam auch nicht auf den Aff. Aber ich habe bei ihnen zu Hause nie konsumiert. Drei Stunden bevor ich zu ihnen ging, machte ich meinen Knall, damit ich den ganzen Tag durchhalten konnte. Die Kleine merkte so nichts. Das wusste die Exfreundin auch. Wenn die Kleine kommt, nehme ich nichts. Ich hab einfach mein Methadon und sonst nichts.

Im Moment nehme ich nicht mehr so viel.

Ich wohnte mal im TBW, Teilbetreuteswohnen, eben. So. Ja, gut und recht, aber sie sollten strenger sein. Jaja das gibt’s noch. Das ist noch da. Da hinter dem Capitol. Gut und Recht. Bin aber froh bin ich dort weg. Jetzt wohne ich in Roggwil. Wenn du dort rein gehst, sind dort alles Leute, die mit Drogen zutun haben. Dann rutschst du in die alte Verhaltensphase wieder rein. Ziehen. Reissen, irgendwann kannst du nicht mehr nein sagen. Ich sage mittlerweile, dass dort Absturz vorprogrammiert ist. Es gibt schon Teilbetreuteswohnen, die auf das aus sind, dass die Leute lernen ohne Drogen zu sein, aber das hier – „worum sitr nid stränger“. Es sei nicht die Philosophie von diesem TBW. Einfach eine Zeit lang ein Dach über dem Kopf zu haben ist das Ziel. In der Nacht und am Wochenende ist da niemand von den Betreuern. Du kannst nicht immer nein nein nein sagen, irgendwann nimmst du wieder etwas. Seit Dezember hab ich nun eine eigene Wohnung, vorher war ich etwa drei Jahre dort. Erst ein Jahr, dann ein halbes Jahr verlängert, dann drei Monate raus, dann kann man wieder rein.

Ich hatte in Melchnau eine alte Werkstatt als Wohnung. „Mit Näscht ure Chuchi.“ Konnte eigentlich umbauen, dann musste ich aufhören, weil da keine Baubewilligung war, dann hat die Vermieterin mir gekündigt, wieder TBW. Es geht mir gut seit damals, wirklich. Ich bin zufrieden. Ich habe mein Valium pro Tag, sicher hab ich noch was als Ersatz, ich muss den Drogen aber nicht mehr nachrennen. Nehme nur noch Dormicum, eigentlich ein starkes Schlafmittel, Narkotikum. Wenn du Dormicum nimmst, bist du drei bis fünf Stunden weg. Du weisst am nächsten Tag nicht mehr was du gemacht hast. „Das isch das, oder“. Und das bringt’s auch nicht wirklich. Seit ich in Roggwil wohne – es passiert schon immer wieder, dass ich konsumiere, aber ist x mal weniger geworden.

Ich habe eine Ausbildung gemacht. Ich bin ja in Heimen aufgewachsen, insgesamt bin ich zwölf Jahre in die Schule. Erstmals eine Lehre begonnen als Automechaniker. Meine Mutter sagte immer „du bisch nüt, chasch nüt“. Daher hab ich auch keinen Kontakt mit meiner Verwandtschaft. Also wechselte ich in eine Anlehre. Dann habe ich sie bestanden, aber nicht mehr auf diesem Beruf gearbeitet. Dann als Knecht gearbeitet, überall.

Jetzt arbeite ich seit ein paar Jahren nicht mehr. Sozialhilfe.

Wenn etwas da ist, wohinter ich stehen kann, dann ja. Aber kein Beschäftigungsprogramm. Ich finde es wie Sklavenarbeit. Du gehst dort hin, 100%, wie Firma Maximum. Das ist Recycling. Die machen Millionen Umsatz im Jahr und haben nur Sozialempfänger, kein Lohn. Alles fliesst in die Firma. Jaja es ist ein gutes Projekt, aber auch Sklaventreiberei. Sie nutzen die Not der Menschen, um für sie zu arbeiten. Nur 300.- im Monat erhältst du mehr, nicht mehr. 900.- hab ich im Monat. Anders hätte ich 3500.- im Monat wenn ich in einer regulären Recycling Firma wäre. Wenn du regulär arbeiten gehst, hast du 1000.- mehr, darum finde ich es eine Ausnützung der Not der Leute. Sicher ist eine Beschäftigung gut, finde ich auch nicht schlecht aber es ist trotzdem…

Ich bin mittlerweile weniger da als auch schon. Wenn du in der Szene verkehrst, dann hast du „Kollegen“, aber geht’s dir scheisse, hilft dir keiner. Du hast keine Kollegen. Es sind Leute die du kennst, natürlich sagt man Kollegen. Aber so feste Kollegen nicht. Wie auch im regulären Leben, die einfach den Profit draus schlagen wollen. Man muss ziemlich aufpassen. Leute kommen her, „oh die si lieb, dene chani vertroue“. Und fallen dann auf die Schnauze. Wenn ich frage, keiner… alle ööh nä nä ö. Dann wollen sie nichts mehr wissen von dir. Jeder probiert seinen Profit rauszuschlagen.

Mir geht’s scheisse, wenn ich kein Essen kaufen kann, wenn ich kein Geld habe. Dann geht’s mir scheisse. „Chamer öppr häufe?“, frag ich bei jenen denen ich schon geholfen habe. Dann heisst’s „oooh, neinei“. „He sorrry.“ Ich hab auch schon geholfen, dann kann mir doch auch jemand helfen. Ein Geben und ein Nehmen. Wenn ich mal Hilfe brauche, wenn jemand Brot hat oder egal was, es hilft dir niemand! Zu 90% ist jeder auf seinen eigene Profit aus. Die anderen 10% sind was anderes.

Wir haben’s gut miteinander, aber wenn’s um handfeste Dinge geht, Helfen, Ausleihen – „vergisses!“ Erstens Müsste von der Stadt her etwas ändern. Hier sitzen Leute, überall. Sitzen zwei Leute von uns dort auf der Mauer, zehn Minuten später ist die Polizei da. Wir erhalten einen Perimeterverbot. Es ist immer nur gegen uns. Wir sind ja nicht die, die eine Morerei machen. Glasscherben sind die von der Traube, vom Chrämerhuus und vom Spaniöggu.

Schublade auf, alles rein, das sind jene die Scheissdreck machen.

Wenn die Polizei kommt, sind wir schuld. Eine andere Gruppe kann da sitzen, saufen und tun, die Polizei aber macht nix. Die kommen einfach zu uns. X mal schon ist das passiert. Wir hatten einfach unser Bier in der Hand, wir grüssen die Leute und sind anständig. Uns sagt man, dass wir verreisen sollen. Den anderen geschieht nichts.

Wir haben den Platz zugesprochen. Es passiert ja auch nichts. Wir pöbeln die Leute nicht an. Es kommt auf die Zeiten drauf an, wenn du am Vormittag kommst, ist es ruhig wie jetzt. Am Abend gibt es sicher diejenigen die spinnen, dann gibt’s auch jene von uns die sagen, „jetzt längts. Gang hei.“ Aber von der Polizei und der SIP kommen sie immer, immer nur zu uns. Die kommen nur zu uns, ich habe die noch nie mit anderen Leuten reden sehen. Sie jagen uns weg, aber zu anderen gehen sie nicht, das ist eben scheinheilig. Sonst immer: „dir dir dir“.

So wie jetzt, dass es immer Leute gibt, die die anderen Leute ermahnen und sagen „itz höret uf seich mache“, ist gut. Jetzt im Moment ist es ja wirklich friedlich. Niemand streitet sich, oder ist besoffen, am kiffen, am drögelen oder fixen, keine Dealerei… „jo. Nüt“.

Es heisst immer wir dealen, spritzen. Sicher. Ich hab auch schon Pumpen gefunden, von Leuten aber, die wir gar nicht kennen und nicht hier verkehren. Viele Leute in Langenthal, die Drogen nehmen, tauchen in der Öffentlichkeit gar nicht auf. Dann wird immer auf uns gezeigt, die, die da hinten sitzen. Immer eine Entschuldigung dafür erfinden als wirklich etwas zu unternehmen, das können sie gut! Am Abend vor allem. Am Abend sind wir nicht mehr hier. Am Abend ist von unserer Seite fertig. Durch den Tag und dann fertig. Die das Zeug versprayen und Flaschen zerstören, sind andere.

Als die Szene noch da war, mit Stühlen und Tischen, das war am Morgen in der Langette von den anderen reingeworfen. Immer werden wir runtergedrückt.

Es passieren schon immer wieder Dinge. Vor einem halben Jahr war es noch schlimmer als jetzt. Viele haben einen Perimeter oder sind in Haft, jetzt sind noch die Anständigen geblieben. Die Leute, die friedlich sind, keine Streitereien und so. Sicher gibt es Auseinandersetzungen, aber die sind schnell beigelegt. Bier zusammen trinken und fertig.

Ich trinke schon. Heute hatte ich sieben Biere. Ich habe kein Alkoholproblem, „Ne Nei“. Wenn man jeden Tag trinkt, heisst es man sei Alkoholiker. Ich könnte schon ohne sein. Hohle mein Methadon, geh in den Aldi und sitze hier. Aber ich bin nicht so, dass ich besoffen werde. Sicher manchmal angesäuselt. „Eso oder jo“. Ich habe keine Alkoholprobleme. Ich kann x Tage ohne Bier sein, kein Problem für mich.

Wunschdenken. Ich wünsche mir nicht viel. Ich lebe. Ich lebe das Leben wies kommt. Ich denke nicht Jahre voraus. Ich kann nicht sehen, wie ich in zehn Jahren bin. Sicher, ich will ein gutes Verhältnis mit meiner Tochter haben auch noch wenn sie 18 ist. Methadon werde ich für immer behalten. Mir geht es gut mit dem. Man merkt ja mir nicht an, dass ich – „gring dung oder so“. Es stimmt für mich. Solang es für mich stimmt, was die anderen sagen ist mir egal. Ich muss mich wohl fühlen. Ich habe runtergeschraubt, selten Dormicum, für mich stimmt’s. Ich kann so dahinter stehen. Für mich ist es ok. Dort möchte ich auch in zehn Jahren sein, dass ich sagen kann, dass es für mich so gut ist. Geld ist nicht das Leben. Leben ist das, was du damit machst. Wie du mit den Leuten umgehst. Das ist das Leben, mit den Leuten zusammen, „jo, eh schwär zsäge“. So möchte ich weiterhin leben, so stimmt es für mich. Ich habe keine Gebrechen. Ich bin gesund.

Das schlimmste war die Diagnose der Hepatitis C. Aber ich hatte nur 7000 Viren. Es könnte sein, dass mein Körper das selber heilt. Am Freitag erfahre ich dann, wie es aussieht. Es gibt 20% der Leute, die Hepatitis C selber heilen können. Eh, ich denke dass ich ausversehen eine falsche Spritze genommen habe. Ich bin sonst wirklich vorsichtig, aber damals habe ich eine falsche genommen, eine der Kollegin. Aber beim Sex ist die Chance nur 1%. Das ist jetzt zwei Jahre her – noch nicht lange. Deshalb kann ich froh sein, dass es mein Körper eventuell selber abwehrt. Jetzt kommen eh neue Therapien auf den Markt. Mit dem Kortison, damit hörten viele auf, da gehst du kaputt. Der Arzt sagte ich solle keine Angst haben, neue Medis kommen auf den Markt. Ich habe es nicht pressant. Ich bin ehrlich und sage, dass wir verhüten müssen. Ich sage, dass ich drogenabhängig bin. Ich knalle abundzu, nicht viel, ich steh aber dazu. Es ist nicht gut, wenn man versucht es abzustreiten. Deshalb stehen nicht alle dazu. Ich nehme abundzu Kokain, Dormicum. Dann können die Leute selber sagen, ob sie mit mir etwas zu tun haben wollen. Deshalb bin ich immer ehrlich und offen.

In der Szene in Langenthal bin ich seit vier Jahren. Vorher war ich in der Szene in Bern. Bin aber wieder zurück nach Langenthal gekommen, es hat mich hingezogen. Auch weil im TBW halt etwas frei war. Ich war im Gefängnis und die hatten dann einen Platz frei. Das war eigentlich der Grund. Nach Bern wollte ich nicht zurück. Da wäre ich in der Gasse an der Anlaufstelle gelandet. Deshalb bin ich hier in Langenthal, dass ich nicht weiter abstürze. „Jo iz weissi nüm meh zsäge.“