Melkein Kuin Emmerdalessä

Gesehen, Senf

Ich sah mir heute alleine ein finnisches Gastspiel im Theater am Käfigturm in Bern an. Minna Koskela, in meiner zweiten Heimat durchaus bekannt, schrieb und inszenierte das Stück Melkein Kuin Emmerdalessä. Ich freute mich darauf etwas heimatlichen Humor, finnische Klischees und vor allem finnisches Schauspiel zu sehen und zu hören. An der Theaterkasse fragte mich einer, ob ich Mitglied sei, nein ich bin noch nicht Mitglied beim Schweizerischen Verein Freunde Finnlands, dachte ich. Anstelle des Preises von 35.- für Nichtmitglieder, bezahlte ich dann doch nur 20.- als Studentin. Das war nett. Ich kannte niemanden – so müssen sich wohl Touristen in Finnland vorkommen, wenn sie kein einziges Wort verstehen, mit dem Unterschied, dass ich alles verstand und mir trotzdem einsam vorkam.

Also setzte ich mich brav alleine in die zweitvorderste Reihe im Zuschauerraum. Langsam füllte sich der Raum und regelmässig strömten laut quatschende, Wein trinkende, blonde Riesen-Frauen rein. Wovon sich eine genau vor mich setzte. Ich setzte mich dann doch etwas peinlich berührt neben sie in die vorderste Reihe und erklärte ihr, sie sei einfach zu gross. Es stellte sich heraus, dass sich in die vorderste Reihe zu setzen, um dem Stück folgen zu können, doch eine gute Entscheidung war. So hatte ich das Gefühl ganz bei der Sache dabei sein zu können und fühlte mit den später weinenden Schauspielerinnen mit.

Zuerst begrüsste die dickliche Regisseurin das nur finnische Publikum. Währendem sass bereits eine der Schauspielerinnen auf der Bühne und blätterte in einer Zeitschrift. So ging es dann eine Weile, bis eine zweite Frau auf die Bühne trat. Es machte den Anschein, als würden sie sich nicht kennen und wären beide einfach so an diesem undefinierbaren Ort gelandet. Es stellte sich dann heraus, dass sie Schwestern waren, welche sich jahrelang nicht mehr gesprochen hatten, da die Späterhinzugekommene (Laura) der Ersten (Anu) den Freund ausgespannt hatte und nun mit ihm in Tallinn lebte. die Schwestern befanden sich beide in einem Wartezimmer, da die Mutter ins Spital eingeliefert wurde. Das Stück füllte sich dann für lange Zeit mit Streitereien, Zickereien, Informationsaustausch, Besserwissereien, gegenseitigen Vorwürfen und üblichem Schwesternkram. Ein Wendepunkt in dieser etwas einseitigen Wartezimmergeschichte, stellte der Moment dar, als Laura, die Jüngere der beiden, erzählte, dass ihr Mann, also jener den sie ihrer Schwester ausgespannt hatte, sie schlägt. Dies änderte auf einen Schlag die Sicht von Anu auf Laura. Laura ist Sozialarbeiterin und versuchte die Situation ihrer Schwester sofort zu lösen und ihr zu helfen. Es drehte sich dann alles darum, dass Laura bleiben und nicht zu ihrem Mann zurückkehren sollte. Laura ging. Auch das Publikum wirkte etwas geschockt von der unerklärlichen Dummheit Lauras zu einem Sie schlagenden Mann zurückzukehren und das noch als starke, finnische Frau. Denn jeder weiss, dass die Gleichstellung zwischen Mann und Frau kaum woanders, wie in Finnland so fortgeschritten ist. Laura kam zurück. Das Stück endete damit, dass beide Zeitschriften lesend auf weitere Nachrichten über Mutters Gesundheit warteten.
Alles in allem ein schönes Stück. Sehr gute Schauspielerische Leistung und spannende Themen. Manchmal fehlte etwas Dynamik in der Handlung oder es flachte zu sehr ab bei langen Streitereien.

Gerne hätte ich mich danach mit jemandem in meiner Muttersprache ausgetauscht, bevor ich diesen Text hier auf Deutsch verfasste: Alleine ins Theater zu gehen, macht eben nur halb so viel Spass. Das war mir schon immer klar.

https://www.facebook.com/melkeinkuin