Abgedruckt im RotSPecht 01/2024
Fast hätten wir in dieser Legislatur ausschliesslich weibliche Stadtratspräsidentinnen gehabt. Ein Umstand, der mich berührt und stolz macht.
Die Legislatur 2021 bis 2024 schnitt somit in Sachen weiblicher Repräsentanz nicht allzu schlecht ab, könnte man meinen. Fakt ist aber, dass der Langenthaler Stadtrat noch immer nicht mindestens zur Hälfte von Frauen besetzt ist. Von nonbinären und weiteren Menschen der LGBTQIA+-Community ganz zu schweigen.
Wir stecken nun erneut in einem Wahljahr und ihr habt es in der Hand, wen ihr in den Rat wählt und wer so eine Chance erhält, den Stadtrat zwischen 2025 und 2028 zu präsidieren und als oberste Volksvertretung zu agieren. Dabei sollten wir aber nicht aus den Augen verlieren, dass viele bereits im Vornherein davon ausgeschlossen sind, diese Chance ergreifen zu können. Mitbestimmen ist ein Privileg, das keins sein sollte. Es muss unser aller Ziel sein, mit den Wahlen 2024 die Gesellschaft, auch den Teil, der nicht wählen kann, bestmöglich abzubilden und zu repräsentieren. Nutzen wir unser Privileg, wählen und gewählt werden zu können, angemessen? Wer wird repräsentiert und wer eben nicht? Wessen Lebensrealitäten und Stimmen finden in der Politik (k)einen Platz? Und auch solche gibt es, die zwar gewählt werden könnten, jedoch durch finanzielle, zeitliche oder gesundheitliche Gründe an politischer Arbeit gehindert werden. Milizpolitik betreiben, ist eine Ehre, die man sich leisten können muss. Ich erkenne dieses Privileg. Umso mehr fühle ich mich verpflichtet dranzubleiben, trotz anstrengender Sitzungen, komplizierter Akten und endloser Monologe. Denn Herausforderungen sind auch immer Chancen. In der Milizpolitik lässt sich ansetzen, lässt sich etwas bewegen, lässt sich persönliches Privileg – für alle, statt für wenige – nutzen.
Ich wünsche mir, dass nach mir noch viele weitere weibliche Stadtratspräsidentinnen kommen. Und mit ihnen werden hoffentlich Werte, die in der Politik bis jetzt einen schweren Stand haben, bedeutender: Vulnerabilität, emotionale Auseinandersetzung und Empathie.
Mein Traum ist ein Stadtrat, dessen Debatten lustvoll, laut und leise, sanft und kämpferisch auf den Punkt gebracht werden. Dessen Debatten in Gebärdensprache übersetzt werden und live gestreamt zugänglich sind. Dieser Stadtrat ist der Place-To-Be, das Monats-Ereignis. Er lebt von interaktiven Öffentlichkeitsmomenten, die eine in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit den Grossen Fragen unserer Zeit erlauben. Kein in sich ruhender, abgeschotteter Geheim-Bund, sondern ein Meer an Vielstimmigkeit. Ein Rat in Bewegung, bewegt von den Lebensrealitäten, Geschichten und Expertisen Aller. Lasst uns gemeinsam versuchen diesen Traum wahrwerden zu lassen.
Lasst uns mehr Mensch-sein, mehr Mit-Mensch-sein und im Herbst 2024 das Schicksal zu Gunsten jener wenden, die nicht wählen dürfen; die es sich nicht leisten können, gewählt zu werden; und die noch nicht repräsentiert sind.
Saima Linnea Sägesser, Stadtratspräsidentin