Stellenspaltung

Keller, Text

Ein Ergebnis des Kollektivschreibens aus dem Workshop für szenisches Schreiben.

Stellenspaltung – geschrieben von 10000 Affen, einem Stein und zwei Antilopen.

In einem Vorlesungssaal. Zwei Studenten sitzen still und zuhörend da, hinter ihnen stehen ihre jeweiligen Stimmen (A und Baum) und unterhalten sich. Vorne steht ein halber Elefant als Dozent und hält eine Vorlesung über Gentechnik. Die offene Hälfte ist mit Frischhaltefolie vakumiert.

A: Also, zu meiner Zeit hatten wir noch ganze Elefanten!

Baum: Das liegt an der üblen Wirtschaftlage. In Peking haben sie 2100 Fabriken zugemacht, jetzt kann man nur noch die Hälfte produzieren. Die bestehenden Elefanten hat man aus Ressourcenmangel halbieren müssen.

A: Hab gehört seine andere Hälfte referiert nebenan über das Klonen von Regenwürmern.

Der halbe Elefant spricht mit einem Sprechfehler mangels halbem Mund, nuschelt unverständlich vor sich hin.

Studenten schreiben wie wild auf ihren Laptops los, spähen auf die PCs ihres Gegenübers.

Alte Frau von hinten: WAT HAT ES GESAGT?!

Baum: Psst! Ist ja ganz einfach:

Das Licht verändert sich auf dramatische Weise und richtet sich auf Baum.

Baum: Jedes arbeitsfähige Wesen arbeitet heute rund um die Uhr, wenn möglich sogar doppelt. Daher tritt der natürliche Fortpflanzungstrieb in den Hintergrund und fällt in die Hände der Wissenschaft. Jene Leute, die, rund um die Uhr und sogar doppelt im Labor arbeiten, können aber dem Bevölkerungsschwund entgegenhalten, indem sie in Reagenzgläsern menschliche Phöten anpflanzen – wie bei den Williamsbirnen.

A: Ja, ja, genau. Die Reagenzgläser sind aus bestem chinesischen Porzellan hergestellt. Dessen Mikrostruktur dehnt sich mit dem Wachstum des Phötus aus. Später nimmt es die Form des Embryos an. Sobald das Baby alleine lebensfähig ist, wird seine Porzellanfassung von mindestens hundertjährigen Zen-Meistern bemalt, denn die spezielle Zittertechnik ist unabdingbar.

Baum: Die Babies in ihren bemalten Porzellenhüllen können dann in verschiedenen Discounter-Supermärkten bezogen werden. Habe selber schon ein paar gesehen, mir sogar überlegt, ein paar Babies mitzunehmen. Aber bei jeder dieser Gelegenheiten hatte ich Hunger und habe mir stattdessen etwas zu Essen gekauft; ein Brötchen oder einen Salat, für die Gesundheit.

A: Wie dem auch sei, ähm, Traditionsgemäss werden sie nach Kauf an einem Seidenfaden kopfüber aufgehängt und die glücklichen Eltern schlagen mit kleinen Plastikhämmern die bemalte Porzellanhülle kaputt. Dies kann bis zu einem Tag dauern, womit die natürlichen schmerzhaften und andauernden Wehen nachempfunden werden.

Baum: Das frisch herausgebrochene (erbrochen) Baby muss zur Registration bei der städtischen Verwaltungszentrale für Migration, Verkehr und nachhaltige Entwicklung vorgezeigt werden, wo es auf Produktionsmängel untersucht. Als Gütesiegel wird ein Chip am Ohr befestigt. Die Schweiz garantiert die asiatische Herkunft des Produkts. Folglich sind alle Kinder made in China.
Lichtwechsel. Die Sitzung ist längst beendet. Der Elefant hat sich längst mit seiner besseren Hälfte in der Mensa getroffen, um mit ihm dem Sonnenuntergang entgegenzulaufen.