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Politische Arbeit

Rede 1. Mai 2024

Heute muss ich keiner Lohnarbeit nachgehen. Da ich in Zürich angestellt bin, habe ich das Glück in einem der wenigen Kantonen in der Schweiz zu arbeiten, die den 1. Mai als freien Tag gesetzt haben. Der 1. Mai wäre offiziell ein Ruhetag. Doch gerade am 1. Mai ruhen wir nicht. Es ist der Feiertag der Gewerkschaften, Sozialdemokrat*innen und Arbeitnehmerinnen.

Gerade in Zürich, nutzen viele diesen freien Tag, um auf die Strasse zu gehen, laut zu sein, zu fordern. Richtig so. Der 1. Mai ist ein Kampftag für bessere Arbeitsbedingungen, gegen den Kapitalismus und für ein Leben, das sich lohnt. Es ist wichtig und richtig, dass der 1. Mai für diese Anliegen genutzt wird.

In Langenthal versuchten wir im Stadtrat 2019 vergeblich während der Revision des Personalregelements wenigstens einen halbe Ruhetag für die Angestellten der Stadt zu erwirken. Auch in Bern ist der 1. Mai kein freier Tag. Das heisst also, dass 1. Mai-Feiern und Märsche an Randzeiten gedrückt werden, nach der Arbeitszeit noch obendrauf gesetzt werden, einen Mehraufwand fordern oder von Arbeitnehmer*innen den Einsatz eines Ferientags abverlangen.

Ja natürlich, das ist ein Preis, den wir zu zahlen haben, wenn wir Veränderung wollen. Wir haben uns dafür entschieden, unsere Zeit und Energie einzusetzen, um Verbesserungen zu erwirken, jenen Stimme geben, die weniger Möglichkeiten haben. Wer fehlt denn hier zum Beispiel an der 1. Mai Feier: Menschen in Schichtbetreiben und aus dem Dienstleistungssektor. Diese Menschen sind oft strukturell ausgeschlossen aufgrund ihrer Arbeitszeiten, die sich dann auch noch in einem Niedriglohsegment bewegt. Für jene, müssen wir laut sein.

Am 1. Mai wird ein Ungleichgewicht bewiesen. Während Arbeitnehmer*innen in Zürich am 1. Mai auf die Strasse gehen können, lassen Aktionär*innen ihr Geld für sich arbeiten und Multis können Bonis kassieren, währende land auf landab an den meisten Orten gearbeitet werden muss. Übrigens ist auch hier die Schweiz wieder total ab vom europäischen Konsens: unsere Nachbarländer machen alle am 1. Mai frei.  

Ich bin der Meinung, wir sollten nicht nur tiefere Prämien und höhere Löhne fordern, sondern auch fordern, dass der 1. Mai ein schweizweiter Feiertag ist. Es wäre nicht der erste solche Versuch. Ein freier Tag für alle, hat den Vorteil, dass ihn jede Person so einsetzen kann, wie es ihr dient.

Heute ist für einige ein freier Tag, den sie für sich nutzen, um einem Hobby nachzugehen, mit Familie Zeit zu verbringen oder im Garten aktiv zu sein. Für andere ist es ein Tag des Aktivismus, des Zusammenkommens, um zu fordern und sich zu verbünden. Beides hat seine Berechtigung und beides ist enorm wichtig.

Wer sich Zeit nimmt für sich, bleibt gesünder. Krankenkassenprämien würden weniger steigen, da weniger Arztksoten anstünden. Der 1. Mai könnte also auch ein Tag des Gesundwerdens sein. Gesunde Arbeitnehmer*innen stecken der Pharma- und Versicherungslobby weniger Geld in den Rachen.

Der 1. Mai kann auch ein Tag des Nichts Tuns sein. Aktivismus kann auch im Nichts-Tun bestehen, denn was stört den Kapitalismus mehr als Menschen, die nicht endlos produktiv sind und konsumieren?

Wir sollten also jenen dankbar sein, die zu sich schauen, frei machen und nichts tun an einem solchen Tag wie heute. Und genauso sollten wir jenen dankbar sein, die heute aktiv sind, sich einsetzen und fordern. Jeder das ihre.

Umso wichtiger ist es, dass jene, die sich einsetzen, nicht ausbrennen. Es ist ein bekanntes Muster, dass jene, die schon was machen, die bereits aktiv sind und ihre Zeit und Energie z.b in die Politik investieren, oftmals für weitere Aufgaben angefragt werden. Es scheint leichter, da ein JA zu holen, als bei solchen, die noch nicht aktiv sind. Doch diese JAs sind tückisch. Nicht alle kennen ihre Grenzen, nicht alle könne auch mal Nein sagen. Da sehe ich die Verantwortung auch bei jenen, die fragen, einzuschätzen, ob das sinnvoll ist, ein weiteres JA einzufordern.

Den Aktiven wünsche ich mehr Mut zum Nein sagen, wenn nötig, mehr Selbstschutz, mehr Zeit für sich. Denn wenn wir die, die aktiv sind, ausbrennen lassen, wer bleibt dann übrig? Wir müssen Sorge tragen, zu jenen die aktiv sind. Wir müssen sie fördern, statt fordern. Wir müssen DANKE sagen. Wir müssen ganz konkrete Massnahmen verfolgen, wie z.B nur notwendige und dann effiziente Sitzungen zu führen. Wir müssen nachfragen, ob Unterstützung gebraucht wird, wir müssen uns gegenseitig stützen, die unterschiedlichen Energielevels akzeptieren und ausgleichen, so dass wir nicht ausbrennen und dass wir zusammen Veränderung für viele bewirken können!

Wie wir wissen, ist die Freiwilligenarbeit ein massgeblicher Bestandteil einer funktionierenden Gesellschaft. Uns liegen Daten des Bundesamts für Statistik von 2020 vor. Frauen leisten durchschnittlich 1,5 Stunden freiwilligen Arbeit pro Woche, Männer 0,9 Stunden. Ein Unterschied lässt sich auch im Alter feststellen: Frauen zwischen 55 und 74 Jahren leisten 2,9 Stunden Ehrenamt während Männer im selben Alter zwischen 1,3 und 1,9 Stunden aufbringen. Jüngere leisten zwischen 0,5 und 1,2 Stunden, auch da die Frauen mehr. Frauen, die noch immer den Grossteil von unbezahlter Sorgearbeit leisten und im Beruf weniger verdienen und schlechter abgesichert sind, leisten auch noch den Grossteil der unbezahlten freiwilligen Arbeit. Gleichzeitig sind Frauen doppelt so häufig wie Männer von psychischen Erkrankungen betroffen. Da besteht offensichtlich ein Zusammenhang.

Das Engagement in der Freiwilligenarbeit geht jedoch seit einigen Jahren zurück. Es braucht nicht nur in der Lohnarbeit, sondern auch in der Freiwilligenarbeit ein Umdenken, einen Systemwechsel. Wollen wir die Generation Z als Nachwuchs für die so wichtig freiwilligen Arbeit nicht verlieren, müssen wir ein ihnen entsprechendes anderes, neues Selbstverständnis leben, zu sich zu schauen, vorsichtig Energie zu investieren und nein zu sagen. Wir müssen die Art und Weise, wie wir Aktivismus und Politik neben Lohnarbeit betreiben, neu denken.

Ich wünsche mir, dass die Freiwilligenarbeit, die geleistet wird, nicht mehr für selbstverständlich befunden wird, sondern mehr Anerkennung erhält. Wir müssen den aktiven Menschen öfter DANKE sagen und sie aber auch auffordern, frei zu machen.

Auch wenn wir heute im Vergleich zu vor 100 Jahren weniger arbeiten und faktisch mehr Freizeit hätten, ist jedoch das Tempo, die Technifizierung und die Menge an Reizen, Anforderungen und Ausgaben gestiegen. In weniger Zeit, muss mehr rein passen. Alles muss schneller und noch mehr sein. Produktivität auf Kosten der Gesundheit, ist normal. Ohne eine radikale Veränderung unserer Arbeitsmoral und unserm Verständnis von freien Tagen, richten wir uns langsam aber sicher zu Grunde, ob mit oder ohne Extraaufwand für Politik und Aktivismus! Wir brauchen nicht nur bessere Arbeitsbedingungen, sondern bessere Freizeitbedingungen! Freizeit rauf, Prämien runter, Löhne rauf!

Wie immer gilt, nicht alle können es sich leisten, nicht alle haben dieselben Möglichkeiten, nicht oder weniger zu arbeiten. Gerade Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen haben selbstverständlich keinen Kopf für Aktivismus und Ehrenamt. Und das muss sich ändern.

Frei machen, sollte nicht Verzicht bedeuten. Es sollte nicht im Vordergrund stehen, dass der Schweizer Wirtschaft ein Feiertag 600 Millionen kostet, sondern dass Arbeitnehmer*innen ausgeglichener, gesünder und glücklicher sind. Frei machen muss normal sein und nicht erst dann, wenns brennt, sondern, um gesund zu bleiben! Jede sollte es sich leisten können, Teilzeit zu arbeiten und mehr Freizeit zu haben.

Aber Freizeit ist nicht gleich freie Zeit. Einige nutzen sie für sich, gut so! Viele leisten unbezahlte Sorgearbeit. Und andere nutzen sie für Ehrenamt, super! Fakt ist, wir sollten uns nicht zwischen dem einen oder andern entscheiden müssen.  Darum brauchen wir flächendeckend eine 4-Tage Woche, 6 Wochen Urlaub und dann irgendwann das bedingungslose Grundeinkommen!

Der 1. Mai ist also auch ein Tag des Freimachens! Und ein Tag des Danke sagens! Danke!